19.04.2021

«Es fühlt sich besser an»

«Ist man zufrieden, braucht man das Glück nicht beim Konsumieren zu suchen», sagt Livia Naef. Bild: Pawel Streit

«Ist man zufrieden, braucht man das Glück nicht beim Konsumieren zu suchen», sagt Livia Naef. Bild: Pawel Streit

Ab dieser Woche gibt es Livia Naefs Kleider in Luzerner Pop-up-Stores zu kaufen. Die Luzerner Fashiondesignerin setzt mit ihrem neuen Label voll und ganz auf nachhaltige Mode.

Wenn ich nach Hause komme, ist das Erste, was ich mache, mich umzuziehen», sagt Livia Naef und lacht. Kleider haben im Leben der Fashiondesignerin schon immer eine grosse Rolle gespielt. «Bereits als Kind habe ich mich mehrmals am Tag neu angezogen. Kleider waren für mich bereits damals ein wichtiges Ausdrucksmittel. Und ich liess mich nicht davon abbringen, sie an der Nähmaschine selbst abzuändern.» 

Heute stellt Livia Naef Kleider unter ihrem gleichnamigen Modelabel in ihrem Atelier an der Bruchstrasse professionell her. Dass es so weit kommt, ist für die Luzernerin lange undenkbar gewesen. Nach einer KV-Ausbildung verschlug es sie zuerst in die Kommunikations- und PR-Branche. «In den Agenturen habe ich die Grafiker darum beneidet, dass sie sich kreativ ausleben können», erinnert sich Naef. «Als PR-Fachfrau fehlte mir das Handwerkliche und Kreative.» Ihren Schlüsselmoment erlebte die 34-Jährige aber während eines Urlaubs in Argentinien: «Das Land hat mich mit seiner Buntheit und den vielen Künstlern und Handwerkern total beeindruckt und inspiriert.» Noch auf dem Rückflug fasste Livia Naef den Entschluss, die Textilfachschule zu machen und ein eigenes Kleiderlabel zu gründen. 

Im Juni 2020, mitten in der Pandemie, war es schliesslich so weit. Nach ihrem Abschluss als Fashiondesignerin stampfte Naef innerhalb von nur drei Monaten ihr Label aus dem Boden. «Rückblickend bin ich froh, dass ich zuerst in anderen Unternehmen und Branchen gearbeitet habe. Die gelernten Fähigkeiten kann ich nun für mein Label einsetzen und von der Website bis zur Buchhaltung alles selbst machen.» 

 

Nachhaltige Produktion

Etwas, das bei Livia Naefs Kleidern besonders im Fokus steht, ist die Nachhaltigkeit. «Während meines Studiums war ich überrascht, wie wenig das Thema in der Textilindustrie präsent ist – obwohl sie nach der Ölindustrie zu den meist verschmutzenden Industrien der Welt gehört», erzählt die junge Mutter. «Für mich war deshalb von Anfang an klar, dass mein Label nachhaltig sein muss.» Sie lässt ihre Kleider bei einem Familienunternehmen in der Schweiz produzieren und kauft nur Stoffe ein, die zu fairen, sozialen und ökologischen Bedingungen hergestellt wurden und aus umweltschonenden Materialien bestehen. «Ich setze zudem bewusst auf ein zeitloses und schlichtes Design. Man kann meine Kleider vielfältig kombinieren und zu jedem Anlass tragen.» Damit will die Fashiondesignerin verhindern, dass ihre Stücke bei der nächsten Trendwelle in der Kleidersammlung landen. Ihre Käuferinnen sollen möglichst ein Leben lang Freude daran haben können. «Weniger zu konsumieren und Ressourcen zu verbrauchen, ist der grösste Hebel, den wir beim Thema Nachhaltigkeit haben», erklärt Naef. «Deshalb lasse ich zurzeit auch nur kleine Stückzahlen und auf Nachfrage produzieren, um eine unnötige Überproduktion zu verhindern.»

 

Aus Bestehendem Neues machen

Die Luzernerin gibt sich aber auch selbstkritisch. «Ich weiss, dass mein Label noch nicht perfekt ist in Sachen Nachhaltigkeit. Es gibt immer noch Optimierungspotenzial.» Lange sei sie auch hin- und hergerissen gewesen, ob sie überhaupt ein Kleiderlabel gründen soll. Schliesslich brauche alles, was neu produziert wird, wieder Ressourcen. «Deshalb probiere ich auch aus bestehenden Stoffen etwas Neues herzustellen. Momentan bin ich zum Beispiel auf der Suche nach alten, grossen Leinenstoffen. Wer solche hat, soll sie mir schicken», sagt Naef mit einem Lachen. 

Nachhaltig hergestellte Kleider haben natürlich auch ihren Preis. Das ist der Fashiondesignerin bewusst. Aber grundsätzlich sei es eine Frage der Prioritäten. «Zweimal weniger auswärts essen und anstelle von Kleiderbergen ein paar wenige Lieblingsstücke kaufen, die dafür ein Leben lang halten – dann geht die Rechnung auch auf.» Mit nachhaltigen Kleidern tue man zudem nicht nur der Umwelt Gutes, sondern auch sich selbst. «Viele meiner Kundinnen sagen, dass man die Nachhaltigkeit auf der Haut spürt. Die Kleider fühlen sich beim Tragen einfach besser an.»

 

Der Traum vom eigenen Laden

Um noch mehr Frauen auf ihr Label aufmerksam zu machen, verkauft Livia Naef ihre Kleider im April und Mai in verschiedenen Pop-up-Stores in Luzern. Anlässlich der Fashion Revolution Week, die für nachhaltige Mode einsteht, findet man sie diese Woche beispielsweise im «the stories» im Bruchquartier. Ansonsten gibt es die Kleider weiterhin online oder direkt im Atelier der Designerin zu kaufen. Einen eigenen Laden gibt es noch nicht. «Klar wäre es mein Traum, mal einen zu haben und von meinem Modelabel leben zu können. Vorerst bin ich aber sehr zufrieden, wie es ist», freut sich Naef. «Und Zufriedenheit mit sich selbst ist das Wichtigste. Dann braucht man das Glück auch nicht mehr beim Konsumieren zu suchen.»

Anna Meyer

 

Box: Verkaufsstellen
«the stories», Kasimir-Pfyffer-Strasse 14 (20.–24. April), «En Bas», Moosstrasse 8 (29. April–8. Mai).